Wer im Winter nach Ladakh reist, bewegt sich tagsüber im Kühlschrank und schläft nächtens im Tiefkühlfach, denn Heizungen sind Mangelware . Strom gibt’s nur im Glücksfall und abwechslungsreiche Kost findet sich zu dieser Jahreszeit nicht in den Mägen, sondern in den Köpfen der Menschen. Ladakh im Winter ist etwas für Hartgesottene, für Männer, die eher wie Bären aussehen, für die, die gern nach Reinhold Messner-Manier durch hüfthohen Schnee waten und die, die Eiszapfen im Bart für modisch halten. Soweit das Klischee...
… das zwar größtenteils zutreffend, aber doch recht einseitig ist. Das winterliche Ladakh ist nicht nur eine Traumdestination für all jene, die immer schon Frostbeulen haben wollten, sondern auch für Menschen, die sich von der tibetisch-buddhistischen Kultur begeistert zeigen und mehr als nur aufgesetztes Mönchsgehopse auf diversen sommerlichen Touristenspektakeln erleben wollen. Denn der Winter ist vorrangig die Zeit der Feste. Die Felder sind mit Schnee bedeckt, einzig die Tiere gilt es zu versorgen. Man trifft sich, feiert, säuft, betet, tanzt und singt. Wie gut, dass auch der Jahreswechsel in den Winter fällt. Immerhin dauern die Feierlichkeiten mehr als eine Woche. Man speist die Ahnen, erneuert die Wohnsitze grauslich aussehender Gottheiten, opfert, weissagt und mancherorts wirft man sich gar nackt in eisige Fluten.
Ladakh unter 0 Grad ist das Ladakh der Ladakhi. Sie sind in der Mehrheit auf den Klosterfesten, vorne in den ersten Reihen, dort wo im Sommer nur noch Touristen zu finden sind. Es sind kulturelle Highlights, die man nicht im warmen Theatersaal oder im bequemen Kinosessel erleben kann. Nein, sie sind draußen, da wo es richtig kalt ist. Wer trotzdem Lust auf ladakhische Kultur hat, kann sich ja schon mal in den Kühlschrank setzen, denn für ein Klosterfest im Winter muss man sich warm anziehen. (Text: Daniela Luschin-Wangail)